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Rabensturm

Verfasst: Mi 5. Nov 2008, 10:45
von Thorn La Fahr
Gleich vorne weg: Das wird die längste Rezension eines Buches, die ich hier je geschrieben habe und ich glaube fast, dass es auch dauern wird, bis es wieder mal so lang werden wird.

Wo fange ich also an? Am besten bei etwas Generellem:
Rabensturm ist nichts anderes als der in einem Buch zusammengefasste Dreiteiler Drei Nächte in Fasar, der bereits 1995 in der DSA-Buchreihe erschienen ist.
Wer den also zuhause hat, braucht Rabensturm gewiss nicht mehr. Der es nicht hat, bekommt für 9,95€ über 900 Seiten bester hennenischer Erzählkunst und somit ein Preis-Leistungsverhältnis, das heute mehr als selten zu finden ist.

Zum Inhalt:
Rabensturm ist die Geschichte des jungen Sklaven Omar, der, nachdem er sein Herrn vor einem Löwen gerettet hat, seine Liebe zu dessen Tochter gesteht. Dadurch spricht er sein eigenes Todesurteil. Doch gelinkt ihm die Flucht, durch die Hilfe Melikaes, der Tochter, weil diese verheiratet werden soll.
So können die beiden eine SEHR sehr kurze Zeit erleben, in der sie in Liebe entbrennen, bis das Schicksal ihnen übel mitspielt und sie trennt... daraus entsteht die Geschichte von Melikae und der der Suche Omars... bis zu ihrem bitteren Ende hin.

Das zum Inhalt. Bevor ich auf das bittere Ende eingehe, erst Mal zum Buch selbst. Ich tue mich schwer, es Fantasy zu nennen. Es ist sehr viel eher eine Geschichte aus 1001 Nacht. ein Märchen, mit allem darin, was für orientalische Märchen typisch ist. Magie kommt gerade in den ersten beiden Büchern mehr als selten und dann auch nur in sehr erdiger Form zu tragen, die mit reinem Sinnespiel zu erklären wäre. Einzig im dritten Buch wird es heftiger, aber auch da nicht... so absolut.
Über Hennens Erzählstil muss nicht mehr viel gesagt werden und seine Sprache ist erster Sahne... aber Bernhard, was tust du dem Leser an? Das ist schon kein Sad End mehr, es ist herzzerreißend und ich glaube, ich fand ein Buch noch niemals so dermaßen traurig, wie Rabensturm.
Es beinhaltet weder eine große Geschichte, noch Überraschungen, nicht mal echte Spannung will aufkommen, aber die Tragik der Liebesgeschichte(n) darin ist so niederschmettern, dass es einem den Atem raubt.
Dabei bleiben viel und mir sogar zu viele offene Fragen am Schluss übrig. Bernhard, mir hast du mit diesem Buch keinen Gefallen getan. Wirklich nicht!

Und wenn ich jetzt etwas empfehlen soll, wird es schwierig.
Objektiv betrachtet, sollte jeder, der Märchen aus 1001 Nacht liebt und Sad Ends sogar mag, dieses Buch gelesen haben. Wer eher Fantasy mag und obendrein bisschen was Schönes lesen möchte... der soll es bleiben lassen.

In jedem Fall ist das Buch ein Paradebeispiel, wo fanatischer Götterglaube hinführen kann und auch die Frage, wie viel Einfluss Götter auf das Lebend er sterblichen nehmen, oder sie sich das nur einbilden.

Mein persönliches Fazit ist:
Finger weg und absolut lesenswert. Ja, wirklich... die Bücher, die mich beim lesen und erst Recht danach so sehr beschäftigt und emotional getroffen haben, kann ich an fünf Fingern abzählen und deswegen werde ich nur noch einen Satz zum Lesenswert oder nicht schreiben: Ich werde Rabensturm unter Garantie(!!!) nie wieder anfassen und bereue es keine Sekunde, es gelesen zu haben!


Achtung: Spoiler!!! Wer Rabensturm noch lesen will und sich nicht das wenige an Spannung nehmen möchte, sollte hier erst weiterlesen, wenn er es gelesen hat!

Melikae ist NICHT TOT!!!
Nicht nur, dass ich mich weiger, es glauben zu wollen, es gibt einfach zu viele Ungereimtheiten. Woher will Mahmud wissen, dass sie gestorben ist. Oder ist Melikae die Seeschlange? Denn von dem Geisterschiff wird ja gesprochen. Aber noch viel mehr wäre es vollkommener Quatsch, wenn die tot wäre und der, der auch nach ihr sucht, weiter sucht. Nein... es ist wenigstens nicht gewiss, dass sie gestorben ist.
In dem Buch wird von den Protagonisten gelogen, dass sich die Balken biegen. Was ist denn wirklich Wahrheit, was Märchen?
Wenn man das Buch liest, muss man sich zu oft sagen, sie haben es nicht anders verdient. Aber so heftig? Nein, niemals. Selbst als Melikae Omar verriet und bei Abu Dschenna lag in seiner gewirkten Gestalt... nein... das kann es nicht sein, auch wenn es weh tat zu lesen, wie blind sie doch gewesen ist.
Aber auch Omar war mehr als einmal... oh Göttin... hab ich nur gedacht.
Nichts desto trotz bleiben noch mehr Fragen. Woher um alles weiß Omar von Malik, der Dschennas Hund in Jugendjahren erschoss? Ist der Fluch aufgelöst, als Mahmud aus echter Zuneigung alles für Almandina tat und ihr Tun gerade am Schluss die war Lösung war. Ist der Fluch auch von Omar gelöst, als er wirklich Gnade walten ließ und auch wenn er es ja noch nicht weiß, sein Ritt ihn genau zu Persihan führen wird, die die Stadt in der Nacht verlassen wird. Ist es an den Haaren herbeigezogen, wenn ich es merkwürdig finde, dass Persihan genau drei Kinder hat? Also genau so viele, wie der verwandelte Dschenna bei Melikae lag? Das Buch ist so voller Bilder, dass ich nicht glaube, dass das einfach Zufall ist.

Was ich aber glaube ist, dass das Buch nicht zu Ende ist, dass Hennen es eigentlich weiter schreiben wollte, es aber nicht tat, weil für ihn drei Gründe dagegen sprachen, die zusammen oder einzelnen eben dafür sorgten, dass nie mehr was dazu von ihm geschrieben wurde.

1) Meiner Meinung nach müsste die Suche weiter gehen und auch zu einem glücklichen Ende führen. Aber genau das ist das Problem, denn Hennen hat nun endgültig offensichtlich ein herbes Problem mit Happy Ends.
2) Er könnte die Geschichte natürlich so biegen, dass es noch schlimmer käme... und keine Sau würde mehr ein Buch von ihm anfassen, denn man müsste ja regelrecht Angst haben es zu tun.
3) Ein Buch, dass zum Happy End führen würde, wäre wahrscheinlich zu kurz und zu langweilig, außerdem hat er ja offenbar der DSA-Welt den Rücken gekehrt.

Sei es, wie es sei und Spekulation hin oder her, für meinen Abschlusssatz nehme ich es, wie es im Buche steht!

Mögen Neraida und Fendal in den Gärten Rastullahs einander gefunden und ihre Liebe erneuert haben. Mögen sie, nachdem Melikae zu ihnen Stoß ihre Freundschaft erneuert und zu dem gebracht haben, das sie verdient hat. Und Möge zuletzt Omar zu ihnen stoßen und Melikae und Omar ihre Liebe endlich so leben können, wie sie es verdient haben und eine Freundschaft entstehen, zwischen den Vieren, wie sie es in der lebenden Welt wohl nicht möglich ist. Möge Rastullah ihnen dieses Glück geben, denn was in seinem Namen geschah ist weit jeder Erträglichkeit und kein gesunder Geist kann glauben, dass dies wirklich der Wille eines Gottes sein kann!